Gedenkminuten für Werner Seelenbinder
Ob am 24. Oktober 1904 auch so ein Sauwetter war wie heute, genau 119 Jahre später, weiß ich nicht. Der strömende Regen hielt jedenfalls 25 junge Menschen, Mitglieder und Sympathisanten des „Jugendforums Brandenburg“ nicht davon ab, sich am Fuße des Marienbergs am Mahnmal für die vom Nazi-Regime hingerichteten Widerstandskämpfer zu versammeln und an Werner Seelenbinder zu erinnern.
Ich stieß als Mitglied der linken BO Altstadt und Nord, die sich vor einigen Jahren den Namen „Werner Seelenbinder“ gegeben hat, zu ihnen. Der international bekannte Arbeitersportler und Kommunist, Olympia-Teilnehmer (Ringen/Halbschwergewicht) und Hitler-Gegner, wäre heute 119 Jahre alt geworden. 1944, kurz nach seinem 40. Geburtstag, wurde er nach jahrelangem Martyrium im Zuchthaus Görden enthauptet.
Jannis vom Jugendforum stellte in einer kurzen Rede Seelenbinders vorbildlichen Charakter in den Vordergrund: seine Geradlinigkeit, seine Solidarität mit drangsalierten Freunden und Genossen und seinen Mut – z.B. weigerte sich Seelenbinder, bei den olympischen Spielen in Berlin 1934 den Hitlergruß zu zeigen. Ein jugendlicher Vertreter des Brandenburger Traditionsklubs BSC Süd 05, dessen Heimstätte der Werner-Seelenbinder-Sportplatz ist, sprach darüber, wie der Verein die Erinnerung an den großen Sportler lebendig hält.
Verlesen wurden Passagen aus Seelenbinders letztem Brief an seine Freunde und Sportkameraden kurz vor der Hinrichtung: „Ich habe in der Zeit meiner Haft wohl alles durchgemacht, was ein Mensch so durchmachen kann. Krankheit und körperliche und seelische Qualen, nichts ist mir erspart geblieben. Ich hätte gerne gemeinsam mit Euch nach dem Krieg die Köstlichkeiten und Annehmlichkeiten des Lebens, die ich jetzt doppelt zu schätzen weiß, erlebt. Das Schicksal hat es nun leider anders bestimmt. Ich weiß aber, dass ich in den Herzen von Euch und auch bei vielen Sportanhängern einen Platz gefunden habe, den ich immer darin behaupten werde. Dieses Bewusstsein macht mich stolz und stark und wird mich in letzter Stunde nicht schwach sehen.“
Die jungen Leute haben es uns vorgemacht: So geht würdiges Gedenken.
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